roxi

Wir müssen das trainieren!

Training muss sein mit einem Hund. Er soll ja lernen, sich an die menschliche Gesell- und Herrschaft anzupassen. Natürlich muss er sich an Regeln halten, damit es nicht zu Unfällen oder Streit kommt. Seh ich alles ein, ehrlich.

Nun haben wir seit 5 Monaten eine neue Hündin bei uns im Haus. Roxi heißt sie und sie kommt aus Rumänien. War nie vorher Haus- und Hofhund und kennt die von wem auch immer festgelegten Regeln nicht. Sie verhält sich also aus verschiedenen Gründen „asozial“, und ich meine das Wort so, wie es eigentlich gemeint ist. Sie verhält sich nicht immer sozial, so wie sie es als guter Hund tun sollte.

Sie mag keine anderen Hunde

Andere Hunde fixiert sie und bellt sie wie ein irrer Kampfzwerg an, mit ihrer Bürste ist sie gleich 5 cm größer (15% ihrer Körpergröße!). Macht der andere Hund einen Schritt auf sie zu, weicht oder springt sie zurück. Letzten Endes ein etwas überschwängliches Selbstbewusstsein gepaart mit Territoriumsverteidigung gepaart mit schlechten Erfahrungen und Angst. Müssen wir abtrainieren.

Sie mag keine fremden Menschen

Einfach wegbleiben. Auch nicht gutgemeintes „Och, ich tu Dir ja nichts“-Draufzugehen-und-Kopf-streicheln. Sie hat halt Angst und verlangt ihrer Umwelt damit einiges an Verständnis ab. Es sieht für die meisten nur nicht aus wie Angst, sondern wie Aggression. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beidem. Müssen wir abtrainieren.

Sie mag keine Fahrräder, Autos oder Motorräder

Oft sind Vehikel kein Problem für sie, aber manchmal springt sie diese Dinger mit Reifen unerwartet an. Ich stelle mich da großzügig in Frage, vielleicht habe ich die Leine unbewusst gestrafft oder die Stimme verändert und sie reagiert in Wirklichkeit auf meine vermeintliche Unsicherheit. Müssen wir abtrainieren.

Sie kommt nicht, wenn ich sie rufe

Untertitel: Nur, wenn sie gerade nichts besseres zu tun hat. Müssen wir trainieren.

Wir müssen das trainieren!

Ich höre das oft. „Der Hund muss aber lernen, sich zu benehmen“ oder „Sie muss Regeln befolgen“ und „Ihr müsst Ihr das mal sagen/mal draufschlagen/sie anschreien“ und natürlich „Warum geht Ihr nicht in eine Hundeschule?“. Ja, warum eigentlich nicht?

Weil dieser Hund so viel mit seiner Umwelt zu tun hat, dass sie dort nicht lernen kann.

Es ist gerade unmöglich, sich mit anderen Hunden und Menschen in die Reihe zu stellen und Kommandos zu üben. Weil sie ja alles und jeden anbellt. Allein die Autofahrt dahin würde sie schon so „stressen“, dass sie danach kaum noch Gehirnkapazitäten übrig hätte. Ich muss also DIE Lernform finden, die bei IHR funktioniert.

Belohnung mit Leckerchen

Beliebt und effektiv ist das Training mit Hilfe von Leckerchen, also Belohnung. Clickern kann helfen, Voraussetzung ist aber das Finden des einen Leckerchen, welches sie immer und ständig und in jeder Situation frisst. Das habe ich aber noch nicht gefunden! Harte Leckerchen: gar nicht. Leberwurst: geht drei Mal. Speck: am liebsten, aber nur, wenn die Umgebung ruhig ist. Mit anderen Worten: wenn sie höchstens drei Mal auf ein Clickern reagiert und dann zu abgelenkt ist und keinen Kopp mehr für Training hat – dann komm ich nicht weit. Das funktioniert vielleicht später.

Strafmaßnahmen

Sprühhalsband, Hund treten oder schlagen, Maul zuhalten, am Schwanz ziehen, Schmerzen zufügen… das alles könnte ich machen, bringt aber bei einem (Angst-) Hund mal gar nichts und lehne ich auch zutiefst ab.

Was ansatzweise tatsächlich funktioniert

Mittlerweile hat Roxi eine vertrauensvolle Beziehung zu mir. Sie möchte mir auch gefallen. Wenn ich also etwas schärfer spreche, lässt sie es tatsächlich sein. Zurück bleibt ihr verdutztes Frauchen.

Beobachtungen

1.Über die Monate ist es besser geworden

  1. Auch bei mir zuckt sie bei schnellen Bewegungen zusammen
  2. Sie hat noch nie gezielt gelernt
  3. Sie mag immer gleiche Abläufe und ist DANN bereit, etwas zu ändern.
  4. Sie reagiert auf meine Stimmungen und meinen Stresspegel
  5. Ich kann ihre Körpersprache immer besser lesen.
  6. Bei Regen setzt sie sich wie ein begossener Pudel unter ein Vordach und wartet. Hat wohl noch nicht abgespeichert, dass sie nun ein Zuhause hat.
  7. Sie frisst ihr Futter nur nachts, wenn Ruhe ist.
  8. Leute, die sie täglich sieht, werden akzeptiert und sogar freudig begrüßt

Erkenntnisse

Die berechtigten und gutgemeinten Tipps mit der Hundeschule und der Erziehung mögen oft funktionieren. Vermutlich auch irgendwann bei uns. Völlig unterschätzt wird jedoch der Faktor Zeit. Man kann alles an- und wieder abtrainieren. Natürlich braucht Roxi ein NEIN, wenn sie hinter Fahrrädern herspringt. Aber es fällt in China noch nicht mal ein Sack Reis um, wenn sie es erst beim tausendsten Mal kapiert. In der Pädagogik wird von so manchen „Alternativen“ die Meinung vertreten: „Beziehung kommt vor Erziehung“. Das kann ich auf meinen ängstlichen Hund übertragen. Habe ich erstmal eine Beziehung bekommen, die auf Vertrauen basiert – dann ist alles möglich. Leider ist so eine neue Beziehung durch zu harsche Erziehung leicht zu stören. Da auch unser 3. Angsthund mittlerweile so reagiert, wage ich zu sagen:

Wenn Du fair zu Deinem Hund sein willst, vor allem, wenn er schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, dann gib ihm bitte so lange Zeit und Liebe, bis das Band geknüpft ist und Du seine Vorlieben und Eigenheiten kennst. Dann steht dem stetigen Lernen fast nichts mehr im Weg und alle  werden glücklich sein. So lange musst Du aber vielleicht mit einem Hund leben, der leider nicht alles richtig macht.

Und jetzt gehen Roxi und ich mal eine Mini-Runde üben. Mit Speck fängt man ja bekanntlich Mäuse. Und manchmal ist es auch richtig schön, sich nicht ständig Stress zu machen, was man nicht noch alles erledigen und trainieren müsste…

Über die Autorin:

Silke Schön ist Online-Redakteurin für verschiedene Tierportale, zweifache Mutter und hat mit Roxi ihren dritten Angsthund aus dem Tierschutz.

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Das Projekt Fair auf Pfoten wurde im Juni 2015 ins Leben gerufen.

10 Gedanken zu “Wir müssen das trainieren!

  1. Steffi schreibt:

    Hallo ihr seit ein gutes Team und du schaffst das. Auf deine ganz eigene Art und Weise. Ohne Stress und Hundeschule usw. Ihr habt schon viel geschafft, mach einfach weiter so . Ihr seit einfach ein gutes Team !!

  2. Nicola schreibt:

    ich denke, du solltest auch auf das schauen, WAS du schon geschafft hast.
    es ist nie einfach mit einem Angstaggressiven Hund, egal welcher Motivation diese Aggression entspringt..
    Hundeschule in ner Gruppe würde ich auch ablehnen.. aber vielleicht einen Trainer / Trainerin, der/die zu Dir kommt, sich Zeit nimmt und genau guckt, wo bei euch der ansatz ist.. manchmal ist es nur ein Führungsproblem.. und wenn sie sich von Dir führen lässt, dann mußt du nicht mehr alles einzeln wegtrainieren.. dann folgt sie dir einfach irgendwann überall durch.. langer Weg und ich weiß wovon ich spreche.. aber Ruhe, Geduld, Zeit und Konsequenz sind da die Zauberwörtchen… und eben auch mal hinnehmen, wenn was nicht geklappt hat.. und lächelnd sagen: ok, das wars nicht.. wir versuchen das nächste.. also mit rückschlägen fertig werden, weil – wir müssen da durch, wir haben die Verantwortung übernommen, diesen Seelchen ein Leben zu ermöglichen und das schaffen wir auch…
    ich glaub an Dich..
    Nicola

  3. Lottaleben Anne schreibt:

    Liebe Silke,

    dieser Post stimmt mich nachdenklich. Ich habe mich auch schon über den Vorwurf “ Das Problem XY mit deinem Hund MUSST du lösen/ Das DARF NICHT vorkommen/ Das MÜSST ihr trainieren“ geärgert. Geärgert hat es mich vor allem, weil ich einfach nicht wusste WIE ich es denn lösen sollte denn ich WOLLTE sehr wohl. Und mein Gegenüber hatte meist auch keinen konstruktiven Vorschlag.
    Deine Aussage „Natürlich braucht Roxi ein NEIN, wenn sie hinter Fahrrädern herspringt. Aber es fällt in China noch nicht mal ein Sack Reis um, wenn sie es erst beim tausendsten Mal kapiert. “ hat mich sehr irritiert, denn das passt für mich gar nicht zum Thema Rücksicht. Das klingt so als dürfte Roxi noch 1000 Mal Fahrradfahrer belästigen mit der Gefahr, dass sie vielleicht irgendwann auch mal in Fahrrad oder Fahrradfahrer reinbeisst.
    Ich finde es gar nicht schlimm wenn dein Hund erstmal Zeit braucht und wenn du vielleicht im Moment noch nicht weisst wie du die Probleme mit deinem Hund lösen kannst. ABER so lange solltest du dafür sorgen dass dein Hund andere nicht belästigt. Also zumindest die Schleppleine dran solange sie nicht zuverlässig zurück kommt und damit sie gar nicht die Gelegenheit hat ein Fahrrad zu jagen und für manche Situationen vielleicht auch an einen Maulkorb gewöhnen. Ich denke das wäre auch im Training der erste Schritt: Management
    Es gibt nicht nur Hundeschulen in denen in der Reihe aufgestellt stumpfe Unterordnung exerziert wird. Das finde ich sehr einseitig und falsch dargestellt. Wenn du nicht weiter weisst würde ich dir auch anraten einen kompetente(n) Trainer/in zu suchen, die mit dir Einzeltraining macht.

    Ich wünsche dir viel Erfolg, Geduld und Durchhaltungsvermögen beim Training,

    Anne

    • Silke Schön schreibt:

      Liebe Anne,

      Du liest sehr gut zwischen den Zeilen! Danke für Dein konstruktives und faires Feedback. Natürlich pauschalisiere und überspitze ich so manche Anekdote, um die Aussage klarer zu machen. Roxi ist immer an der Leine, das geht gar nicht anders, und wenn sie schlecht drauf ist, springt sie hinter Autos oder Fahrrädern her. Weit kommt sie natürlich nicht, verbunden mit einem NEIN, denn sie soll ja langfristig eben niemand anderen belästigen. ich muss dann immer sehen, dass ich nicht schon im Vorfeld „nervös“ werde und genau diese Handlung erwarte, um sie mit meinem Verhalten herauszufordern…. Ich erwarte aber nicht, dass ich dreimal NEIN sage und sie es dann nicht mehr macht. Sie bekommt die Zeit und irgendwann wird sie verstehen, was ich meine. Je stärker unsere Beziehung, desto klarer darf ich mich ausdrücken, OHNE dass sie wieder Angst bekommt. Einen Trainer werden wir definitiv zu Rate ziehen, wenn wir den richtigen Zeitpunkt dafür sehen (das hat nicht nur mit Roxi, sondern auch mit anderen Umständen zu tun). Und dann kann ich ja wieder darüber berichten. :-)

      Ich wünsche Dir alles Gute, viele Grüße!

  4. Jessie schreibt:

    Sehr interessanter Beitrag :)
    Das Thema Hundeschule fällt sehr oft, eine Hundeschule ist vllt für jemand was der andere Grundkommandos arbeiten will/muss.
    Mir hat ein Hundetrainer/Hundeführer bei der Polizei gesagt das Problem kann nicht auf einen Hundeplatz gelöst werden sondern es muss in der gewohnten Umgebung angepackt werden.
    Ich selbst habe auch einen Rumänischen Angsthund, ich habe niemanden zur Ratenzahlung gezogen sondern alleine auf mein Gefühl gehört und auch danach gehandelt. Der erste Punkt war das Vertrauen zu mir aufzubauen und ich wurde zu ihrer Bezugsperson. Wir haben alles Schritt für Schritt gemacht und lernen immernoch (9 Monate ist sie jetzt bei mir). Ich habe schon mit vielen Hunden zutun gehabt, auch ängstlichen Hunden aber nie so einen „härte“ Fall. Schnell habe ich gelernt sie zu beobachten vorallem wie sie in Situationen reagiert, auch das Auto/Fahrradfahrer Problem hatten wir. Autos sind mittlerweile überhaupt kein Problem mehr ausser es sind LKWs die zu schnell an uns vorbei rasen. Ich sehe ihr an wenn sie nach vorne will und unterbinde ihr bevor sie reagieren kann die Situation. Dadurch das sie mir vertraut sind unbekannte Situationen auch nicht mehr so schlimm ausser vor fremden Männern, denen traut sie nicht und beobachtet diese haargenau.
    Sei selber sicher und Zeuge ihr das sie keine Angst haben muss. Aus meinem Angsthund, der aus Angst schon gebissen hat ist ein Kinderlieber und teils sicherer/selbstbewusster Hund geworden. Wir haben auch ein Schritt vor gemacht und 5 zurück, auch werden noch viele weitere folgen aber niemals entmutigen lassen.

    Liebe Grüße

    • Silke Schön schreibt:

      Woher weißt Du….? Genau so ist es auch bei uns! :-) Es gibt Fortschritte, dann wieder viele Rückschritte und doch wird es jeden Tag besser und sie taut auf. Es ist einfach schön zu sehen, was in so einem einzelnen verschüchterten Hund so alles drinsteckt. Alles Gute für Euch beide!!

      • Jessie schreibt:

        Das hat mich so sehr an meine erinnert. Anfangs war ich doch sehr unsicher ob es richtig war sie zur Pflege zu nehmen, eigentlich sollte ein anderer zu uns aber das hätte leider doch nicht gepasst. So nahm alles seinen lauf, ich bereue es bis heute nicht. Wir haben das Glück sie lebt bei uns mit 2 anderen sehr sicheren und selbstbewussten Hunden(beide hatten es auch nicht immer gut im Leben) zusammen. Dann guckt sie sich sehr vielen von den Katzen ab, sie versucht immer zu gefallen. Wir haben dann beschlossen sie bleib bei uns, wir hatten doch ein wenig angst, dass alles kaputt geht was wir aufgebaut haben.
        Es gibt auch Angsthunde, da passt es mit einem anderen Hund einfach nicht, da sie sich gerne dahinter verstecken. Die Angsthündin meiner Mama ist auch ein komplett anderes Beispiel sie lässt sie absolut nicht anleinen, sie bekommt richtig angst aber sie läuft ohne Leine und bleibt immer im ihrer nähe. Bald werde ich auf meinen Blog ( habe einen Beauty und ein Blog über meine Tiere), die ganze Geschichte von ihr aufschreiben bis zum jetzigen Tag. Ah wieder soviel geschrieben :) Höre auf dein Gefühl und nicht was andere sagen, du lebst mit dem Hund zusammen. Ich habe eigentlich nicht viel Ahnung von Angsthunden gehabt, durch sie habe ich eine andere Sichtweise gefunden und gehe auf andere Angsthunde ganz anders zu.

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