Interview StresslessDogs

Interview: StresslessDogs – Fair auf Pfoten, aber wie?

Susanne Steffen von StresslessDogs ist Expertin für zeitgemäße Hundeausbildung, unabhängige Ernährungsberatung, ursachenorientierte Problemtherapie und bald auch Hundephysiotherapeutin. Im Rahmen Ihrer Arbeit setzt sie alles daran, einen fairen und respektvollen Umgang zwischen Hunden, Hundebesitzern und Nicht-Hundesitzern zu ermöglichen. Ich bin Julia Wenderoth und durfte Susanne im Rahmen des Projekts “Fair auf Pfoten” über ihre Arbeit interviewen.

Susanne, was hat Dich dazu bewegt Hundetrainerin zu werden oder soll ich lieber sagen Trainerin für Hundehalter?

Erst einmal vielen Dank für die Einladung, ich verfolge deinen Blog regelmäßig und freue mich über die vielen Tipps und Anregungen, sehr gern stehe ich Dir hier Rede und Antwort.

„Trainer für Hundehalter” ist mir lieber.

Warum? „Sitz“, „Platz“, “Steh”, “Vorwärts”, “Rückwärts”, “Hoch”, “Runter”, “Dreh dich“  etc. sind angeborene Verhaltensweisen, die ein Hund mehrmals täglich zeigt, wenn er sie selbst benötigt. Es geht also nicht darum dem Hund bestimmte Verhaltensweisen beizubringen, sondern sie abrufen zu können, wenn WIR es brauchen/möchten. Und dieses Abrufen bringe ich Herrchen und Frauchen bei, ausführen kann es der Hund ja bereits.

Aber nun zu deiner eigentlichen Frage, liebe Julia.

Seit 2008 arbeite ich mit Hunden oder besser mit ihren Menschen, angefangen mit einem Gassi-Service und Hundebetreuung für kleine Hunde, seit 2011 als zertifizierter Problemhundtherapeut und Trainer für Hundehalter.

Die Liebe bzw. die Faszination für Hunde begann bei mir bereits im zarten Alter von knapp 1,5 Jahren mit einer aufgeplatzten Lippe, weil Nachbarsdogge Johnny mich einmal komplett über den Haufen gerannt hatte – anstatt zu heulen – lief ich blutüberströmt und bis über beide Ohren strahlend zu Mama und kommentierte das Geschehene mit den Worten „Johnny, Küsschen“ (so die Überlieferung) und es war um mich geschehen. Von da an hatten meine Eltern keine ruhige Minute mehr…. ein Hund musste ins Haus…und er kam.

Seit nun schon fast 40 Jahren bestimmt dieser „beste Freund des Menschen“ jede freie Minute meines Lebens… zuerst „nur“ als Hundehalter. Als dann 2008 Hund Nr. 5 (mein erster Welpe) bei uns einzog, wurde es mehr. Ich wollte „alles 120% richtig“ machen, las Bücher, schaute mir Videos an und besuchte verschiedene Kurse in einer Hundeschule…das Ergebnis: ein Hund, der bellte, biss und  laut damaliger Trainerin „irreparabel kaputt“ sei, weil er ein Verhalten an den Tag legte, welches sie „noch nie gesehen hatte“…

Ein sehr unbefriedigender Zustand für mich als lösungsorientierten Menschen, der nach dem Motto: „Der Mensch, der die Bereitschaft hat etwas zu ändern, findet einen Weg. Der andere findet eine Ausrede…“  lebt und handelt.

Es folgte eine lange und ausdauernde Suche nach sinnvollen und vor allem nachhaltigen Wegen der Hundeausbildung.

Vor allem die ursachenorientierte Herangehensweise, an die Kommunikationsprobleme zwischen Hund und Mensch, hat mich überzeugt und ich entschied mich dazu, eine Ausbildung zum Problemhundetherapeuten und Systemhundeberater nach SDTS®, sowie den Gebrauchshundeausbilder und Ernährungsberater – Fachrichtung Hund – nach den Richtlinien des DGHV zu absolvieren. Es folgten verschiedene Kurse bei der IHK Potsdam, Linda Tellington Jones und der Paracelsusschule Hamburg.

Was ist aus Hund Nr. 5 geworden?

Der Hund von damals ist mittlerweile 7 Jahre alt,  brauchte entgegen aller Prognosen noch nie einen Maulkorb, „funktioniert“ nicht nur auf dem Hundeplatz hervorragend und ist sozial so gut verträglich mit Mensch und Tier, dass vor 2 Jahren Hund Nr. 6 bei uns einziehen durfte. Wir sind ein klasse Team.

Fair sein kann man am besten mit stressfreien Hunden. StresslessDog arbeitet ursachenorientiert, was bedeutet das genau?

In erster Linie viel Spaß für den Hund und Umdenken für Herrchen & Frauchen.

In den Begutachtungsterminen, die stets einer Therapie oder einem Training vorangestellt sind, begebe ich mich quasi auf die Suche nach des Struppis Kern.

Der Grund: bestimmte Verhaltensweisen können sowohl durch innere, physiologische Reize (zum Beispiel: Schmerzen) als auch durch angeborene Komponenten („Instinktverhalten“; z.b. die Suche nach Nahrung) ausgelöst werden. Auch exogene Reize (Veränderungen in der Umwelt) können Verhalten auslösen. In welchem Maße innere und äußere Ursachen für ein bestimmtes Verhalten verantwortlich sind, ist für den Hundehalter häufig nur sehr schwer bis gar nicht möglich. Ich agiere sozusagen als Dolmetscher.

Diese Termine finden immer in der alltäglichen Umgebung des Hundes und seiner Menschen statt, dort wo die Herausforderungen be- und entstehen.

Denn ist der Mensch dazu in der Lage seinem Hund die Ursachen für sein Verhalten nehmen, zeigt dieser das (unerwünschte) Verhalten nicht mehr.

Du verwendest bei Deiner Arbeit mit Hunden keine Sprache. Was ist der genaue Grund dafür?

Ich habe mich nicht nur verpflichtet Hunde ausschließlich nonverbal zu trainieren und zu therapieren, sondern ebenfalls Gewalt-, Hilfsmittel- & Korrekturfrei.

Das heißt, ich arbeite stets OHNE:

  • Gewalt, d.h. ohne Schläge, Tritte, Reizgas, Sprühflaschen, Leinenruck, Schnauzengriff, Rückenwurf etc.
  • Starkzwangmittel, d.h. ohne Würgehalsband, Stromhalsband, Halti, Sprühhalsband, Rütteldose, Wasserflasche oder sonstige Hilfsmittel
  • Korrektur, d.h. kein „Nein“, „Pfui“,„ Aus“, „Lass das“
  • Sprache & Handzeichen oder Calming Signals (Beschwichtigungssignale) o.ä.

Ausschlaggebend hierfür ist einerseits die Problemhundtherapie, denn ein Hund kann alles mit allem verknüpft haben bzw. darauf konditioniert worden sein. Er kann uns dies ja nicht sagen, sondern ausschließlich zeigen. Ein kleines Beispiel: einem Hund wurde beigebracht auf das Verbalkommando „Sitz“ und/oder dem entsprechenden Sichtzeichen (erhobener Zeigefinger) seinem Gegenüber ins Bein zu beißen…eine „lustige“ Idee mit fatalen Folgen.

Auch sind Fremdsprachen, Halterwechsel oder nicht ganz ehrliche Halter gute Gründe dafür, Sprache und Handzeichen wegzulassen.

Des Weiteren ist Körpersprache international und wird von jedem (nicht nur) Hund sofort verstanden. Alle Kommandos egal ob Sprache, Lautsignale (z.b. Clicker) Sicht- und Handzeichen muss der Hund erst lernen, um sie entsprechend ausführen zu können. Ein prima Nebeneffekt, der nonverbalen Arbeit: der Halter ist sehr konzentriert dabei, weil es für ihn sehr ungewohnt ist, sich ohne die gewohnte Sprache verständlich zu machen.

Wie bringst du Hunde – und vor allem ihre Hundebesitzer – dazu, respektvoll miteinander umzugehen?

Indem ich aufkläre.

Wir können jede Menge von unseren Hunden bzw. deren Vorfahren lernen.

Der Hund ist ein triebgesteuertes Raubtier, welches seine Vorteile verfolgt und für sich überlebenswichtige Ressourcen (das sind in der Regel: Territorium, Revier und Futter, denn zum Glück spielt die Sicherung der Art (Fortpflanzung) in einer gesunden Mensch-Hund-Beziehung keine Rolle) sichert. Der Hund verhält sich aus seiner Sicht stets instinktiv richtig – nur wir Menschen interpretieren dies (meist falsch oder nehmen es gar persönlich).

Darüber hinaus handeln Hunde stets:

  • RESPEKTVOLL
    d.h. sie respektieren sich und würden freiwillig z.b. nie die Individualdistanz ihres Gegenüber unterschreiten, außer sie werden dazu „gezwungen“, weil es um etwas geht oder sie nicht ausweichen können
  • KONSEQUENT
    einschätzbar und geradlinig, d.h. sie handeln ohne jeden Hintergedanken, sie reagieren stets angemessen auf die jeweilige Situation
  • VERANTWORTUNGSVOLL
    d.h. sie handeln niemals aus Geltungsdran, sondern immer um für sich überlebenswichtige Ressourcen zu sichern
  • LOYAL
    d.h. sie begegnen ihrem Gegenüber immer unvoreingenommen und ehrlich.

Eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Hund ist die Grundlage für ein stressfreies Zusammenleben in einer Gesellschaft, in der der Hund zunehmend an Bedeutung gewinnt und dadurch polarisiert.

Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme gehören für mich persönlich zum guten Ton, ganz egal in welcher Rolle ich mich gerade befinde. Frei nach dem Motto: „So wie es in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder heraus…“. Als Kind habe ich diesen Satz meiner Mutter gehasst, heute muss ich sagen: sie hat recht.

 

Als Hundehalter gehöre ich zu einer Randgruppe, die toleriert werden möchte und deshalb als Vorbild vorangehen sollte. Dazu gehört für mich ganz selbstverständlich z.b., dass Hundehalter sich über die jeweiligen gesetzlichen Gegebenheiten informieren und daran halten, die Hinterlassenschaften ihres Hundes entfernen und entsorgen, ihren Hund sich nicht an Häuserwänden, auf Spielplätzen, fremden Grundstücken etc.  lösen lassen, dafür sorgen, dass ihr Hund niemanden (also weder Mensch noch Tier) belästigt oder in Gefahr bringt etc.

Dies lebe ich und gebe es an meine Kunden weiter.

Fairness, dies wünschen sich auch die Hundetrainer in Deutschland. Aufgrund des § 11 TschG, wird in Deutschland mit Hundetrainern momentan sehr willkürlich umgegangen. Ich habe mitbekommen, dass Ihr etwas dagegen unternehmen möchtet. Was habt Ihr vor?

In der Tat wird es uns Hundetrainern zur Zeit in Deutschland sehr schwer gemacht. Meine Kollegin Anni Spiegel hat dies sehr gut und kurz zusammengefasst:

Im Zuge der Neuerungen im Tierschutzgesetz vom 13.07.2013 gibt es seit dem 01.08.2014 eine Erlaubnispflicht für Hundetrainer. Das Gesetz sieht vor, dass „zur weiteren Ausübung des Berufes derjenige, der gewerbsmäßig Hunde ausbildet, die Ausbildung durch den Tierhalter anleitet oder als Verhaltenstherapeut für verhaltensauffällige Hunde tätig wird, eine behördliche Genehmigung vorweisen muss“.

An sich ist diese Regelung äußerst begrüßenswert, wenn es dann tatsächlich zu einer besseren „Einschätzung des Trainers – im Hinblick auf seinen Ausbildungs- und Erfahrungsstandes“ geführt hätte. Ein Mindestmaß an Ausbildung und Erfahrung wäre ja unbedingt begrüßenswert gewesen.

Leider haben sich die Dinge völlig anders entwickelt. Die Veterinär-Ämter entscheiden völlig unterschiedlich nach eigenem Ermessen: bereits vorhandene Ausbildungen, die vom Trainer freiwillig, ohne Auflagen und mit viel eigenem Engagement, sowohl finanziell, als auch zeitlich, seit Jahren gemacht wurden, werden meist nicht anerkannt. Im Chaos der unterschiedlichen Handhabungen der einzelnen Veterinärämter, ist die eigentlich gute Idee des Tierschutzes so längst schon verloren gegangen.“

Doch die Behördenwillkür rund um die Durchsetzung des §11.1.8fTSchG, hat auch seine guten Seiten:

Hundetrainer aus ganz Deutschland haben sich nun in einem Verband zusammengeschlossen, um gemeinsam für eine einheitliche Umsetzung zu kämpfen und daraus ist „pro Hunde“ entstanden.

„pro Hunde“ steht für einen Verband professioneller Hundetrainerinnen und Hundetrainer und versteht sich als Sprachrohr für alle angeschlossenen Hundetrainer und deren Mitarbeiter in Gesellschaft, Medien und Politik im Sinne einer hundegerechten Ausbildung und Erziehung, also „pro Hunde“.

„pro Hunde“ verfolgt keine eigenwirtschaftlichen Interessen. Die angeschlossenen Hundetrainer und Hundetrainerinnen verpflichten sich zur Einhaltung des Tierschutzgesetzes. Die Begriffe „Hundetrainerin“ und „Hundetrainer“ umfassen das gesamte Spektrum der Ausbildung und Erziehung von Hunden bzw. die Arbeit zur Anleitung der Halter zu Erziehung und Ausbildung.

„pro Hunde“ setzt sich im Rahmen des Tierschutzgesetzes für Methodenfreiheit und -vielfalt bei der Tätigkeit als Hundetrainerin / Hundetrainer ein, die grundsätzlich tierschutzkonform ausgeübt werden muss.

Ich freue mich sehr, als Vorsitzende für die Region Nord ein Teil dieses einzigartigen und Erfolg versprechenden Projektes zu sein. Weiterführende Informationen dazu gibt es unter www.pro-hun.de

Wer uns unterstützen möchte, kann dies ganz schnell mit seiner Unterschrift unter unserer Petition tun https://www.openpetition.de/petition/online/hunde-brauchen-schutz-ihre-trainer-auch-hundetrainer-fordern-einheitliche-umsetzung-der-erlaubnis und ist natürlich als Mitglied jeder Zeit herzlich willkommen.

Vielen Dank liebe Susanne für das tolle Interview.

Über die Interviewerin:

Julia Wenderoth ist Besitzerin des Italienischen Windspiels Lola und schreibt seit Februar 2015 auf Ihrem Blog miDoggy über alles Wissenswerte rund um den Hund. Ihr findet sie auch auf Facebook, Instagram und Twitter.

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Das Projekt Fair auf Pfoten wurde im Juni 2015 ins Leben gerufen.

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