Ängstlicher Hund

Fair mit einem ängstlichen Hund

Ich bin ein sehr rücksichtsvoller und sozialer Mensch. Ich falle nicht gerne auf. Ich passe mich viel zu oft an und verschwinde gerne in der Masse. Ich bin nicht laut. Ich bin leise. Möchte keinen Ärger machen. Viel lieber Lösungen finden. Harmoniebedürftig? Ja, mag sein.

Und dann kam Lilly …

… und richtete den Scheinwerfer auf mich. Das erste Mal, als ich ungewollt in den Mittelpunkt rückte war, als Lilly einen Kinderwagen nebst Kind angeknurrt hat. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mir das nicht unangenehm war. Es war mir mehr als unangenehm. Es war mir peinlich und ich spürte die Zeigefinger förmlich auf mich gerichtet. Kinder knurrt man einfach nicht an. Doch Lilly sah das anders. Sie knurrte zu dieser Zeit häufig. Spaziergänger, Radfahrer, Jogger, andere Hunde. Alle zwangen mich mit ihren Blicken, mich erklären zu müssen und das tat ich. Die ist noch jung. Die ist unsicher. Die mag keine fremden Menschen. Alles richtig und trotzdem war mein Grundgedanke falsch. Nicht ich hätte mich so oft für Lilly’s Verhalten entschuldigen müssen, sondern all’ die Radfahrer, die erst abbremsten, wenn sie mir etwas über Hundeerziehung an den Kopf werfen wollten. All’ die anderen Hundebesitzer, die ihre Hunde ungefragt auf uns zu donnern ließen. All’ die Jogger, die dachten Leine ist Leine und nicht sahen, dass unsere 10 Meter lang war, als sie uns von hinten, rennend überholten. All’ die Mütter, die ihre Kinder schreiend und hüpfend an uns vorbei laufen ließen.

Hundebesitzer stehen unter Druck

Hundebesitzern wird von der Gesellschaft viel Druck gemacht und viel zu oft werden alle Hundehalter über einen Kamm geschoren. Selbstreflektierend sind die Wenigsten. Hunde müssen sich anpassen. Müssen sich von jedermann streicheln lassen, dürfen keinen Mucks von sich geben und müssen sich in die Augen starren lassen. Die sind ja auch so schön blau. Würde ich Wildfremde umarmen, würde ich wahrscheinlich wesentlich öfter im Mittelpunkt stehen.

Warnungen sollen ernst genommen werden

Wenn mein Hund knurrt, dann meint er es auch genau so. Dann sagt er nichts anderes als, bis hier und nicht weiter. Lass mich in Ruhe. Du machst mir Angst. Er sagt nicht, du Idiot, ich fresse dich gleich zum Frühstück. Knurren ist eine Art der Kommunikation. Und wahrscheinlich auch das erste Anzeichen, welches von Fremden als Warnung vor dem Biss erkannt wird. All’ die Anzeichen vorher, die werden als solche nicht erkannt. Wie der Hund sich vor der streichelnden Hand wegduckt. Wie er zurückweicht.

Nehmt Rücksicht…

Ein Hund ist ein Hund ist ein Hund. Das bedeutet keineswegs, dass er perfekt ist oder gar perfekt sein muss. Ein Hund ist ein Lebewesen. Ein Wesen, auf welches genauso Rücksicht genommen werden muss, wie auf kleine Kinder oder ältere Menschen. Ich bringe den meisten Menschen und ihren Situationen Verständnis entgegen. Ich sammle Hundehaufen ein, Leine meinen Hund an, wenn es die Situation wünscht, halte mich an die Gesetze in Naturschutzgebieten & Co., mache bereitwillig Platz, wenn eine Gruppe Radfahrer unseren Weg kreuzt und grüße freundlich. Ich mache das alles gerne. Wirklich. Und genau aus diesem Grund würde ich mir auch etwas Entgegenkommen wünschen. Ich wünsche mir, dass Skateboardfahrer langsamer fahren, wenn sie sehen, dass mein Hund Panik bekommt. Ich wünsche mir, dass Erzieher die Kinder ermahnen, wenn diese lachen, weil mein Hund auf Brustwarzen an ihnen vorbeikriecht, weil die Kinder vorher mit Kastanien nach ihm geworfen haben. Ich wünsche mir, dass Radfahrer vorher klingeln, bevor sie an uns vorbeifahren, sodass ich rechtzeitig reagieren kann. Ich wünsche mir, dass Fremde mich fragen, ob sie meinen Hund streicheln dürfen. Ich wünsche mir, dass ich all diese Personengruppen nicht erst darauf hinweisen muss, sondern, dass sie es einfach sehen. Dinge, die selbstverständlich sein sollten.

 …denn ich nehme auch Rücksicht

Ich bin ein verantwortungsbewusster Hundehalter und ich möchte, dass das honoriert wird. Und weil ich weiß, dass ich nicht der einzige verantwortungsvolle Mensch auf dieser Erde bin, möchte ich mich bedanken. Und zwar bei jedem Einzelnen, der auf uns eingeht, der versucht unsere Situation zu verstehen, der uns hilft, der sich bedankt und der mit seiner, ebenfalls rücksichtsvollen Art, das Miteinander ein bisschen einfacher, ein bisschen schöner macht.

Über die Autorin:
Lilly’s Frauchen ist seit Dezember 2011 Besitzerin der Dalmatinerhündin Lilly und Bloggerin. Sie bloggt auf Dalmatiner Lilly und hat eine Facebookseite.

Bild: Lilly’s Frauchen

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Das Projekt Fair auf Pfoten wurde im Juni 2015 ins Leben gerufen.

7 Gedanken zu “Fair mit einem ängstlichen Hund

  1. Axel schreibt:

    Hallo Lilly’s Frauchen!

    Zunächst mal vielen Dank, dass Du hier den Reigen eröffnest.Toller Beitrag!

    Ich habe ganz ähnliche Erfahrungen mit meinem aufgeregten Junghund gemacht, der leider nicht immer sozial adäquat reagiert. Zumindest aus Sicht der Menschen. Und genau das ist das Problem, denn Hunde sind Hunde und sie verhalten sich auch so.
    Mit etwas mehr Rücksicht, Verständnis und Toleranz würde es einfacher werden.

    Gruß Axel

  2. Saskia schreibt:

    Hallo,
    ein super Bericht und ich kann dich voll verstehen und absolut nachvollziehen was du meinst! Von uns wird soviel erwartet doch ein wenig Rücksicht wird nicht genommen oder versucht uns zu verstehen…
    lg
    Saskia

  3. Melinda schreibt:

    Interessantes Projekt :)

    Aber eigentlich, vielen Danke für deinen Beitrag.
    Er spricht mir aus der Seele.
    Mein Junghund funktioniert in 60% der Fälle, in 40% nicht. Jedes Mal wenn etwas passiert, muss ich mir an die eigene Nase fassen, weil ich einen Fehler gemacht habe. „Leider“ ist sie sehr freundlich und flippt bei jeder Mensch / Hunde Begegnung total aus. Gott sei dank, waren das bisher immer freundliche Menschen und Hund, die es nicht schlimm fanden! Aber ganz klar jedes Mal habe ich der kleinen zu viel Freiheit gelassen! Wie aber soll sie ohne Freiheit lernen?
    Würde man mir eine Sekunde schenken um reagieren zu können, kann ich 99% verhindern.
    Gebt mir doch bitte diese Chance.
    Dein Betrag sagt es ja schon, vielen Dank dafür.

    Darf auch diese Seite frei geteilt werden?

    LG Melinda und die Polarwölfe

    • Andy schreibt:

      Hallo Melinda,
      danke für dein Feedback. Du darfst die Seite natürlich frei teilen, drüber freuen wir uns sehr. Zu deiner Hündin: Kann es sein dass sie sich gar nicht freut sondern eher unsicher ist? Mein Fiete „freut“ sich auch immer wie wild. Meine Hundetrainerin erklärte mir dann, dass das keine Freude sei, es würde nur von uns so aufgefasst. Die Begründung war, dass er die fremden Menschen (und auch Hunde) gar nicht kennt und es deshalb keine Freunde sein kann. Es ist lediglich Unsicherheit. Ich fand die Begründung für mich plausibel.
      Wir gehen das ganze jetzt so an: Wenn er ausflippt und sich „freut“ dann gehen wir doch nicht zu dem Menschen/Hund, dem wir grade noch „Hallo“ sagen wollten. Erst wenn er sich wieder beruhigt hat, dann gehen wir wieder drauf zu. Ich muss aber sagen, wir sind da noch ganz am Anfang, da auch ich dabei viel zu inkonsequent sind. Sonst wäre das Thema vermutlich schon vom Tisch :)

      Viele Grüße, Andy

  4. Hundebengel Charly schreibt:

    Toller Beitrag von Lillys Frauchen. Und er spricht mir aus der Seele. Wenn alle Hundehalter und nicht Hundehalter ein wenig mehr Rücksicht nehmen würden, wäre das Leben viel entspannter.

    Liebe Grüße
    Sonja und Charly

  5. Liz schreibt:

    Lillys Frauchen, du sprichst mir echt aus der Seele!!
    Wie oft ist es mir schon passiert dass mein Hund irgendwelche Kinder oder Skateboardfahrer angebellt hat, und wir empörte Blicke bekommen haben…
    Ich geb mir mit ihm wirklich Mühe und versuche in jeder kritischen Situation so zu handeln dass er sich beruhigen kann, aber manchmal hilft einfach nichts..und dann zerren besorgte Eltern ihre Kinder weg, weil ja der böse Hund so schlimm bellt..
    Komischerweise gehen alle immer davon aus dass jeder Hund sich freut wenn jemand Fremdes auf sie zukommt, und dass jeder Hund auch mit jeder Situation immer perfekt umgehen kann…

    Viele Grüße :)

  6. Victoria schreibt:

    Sehr schön geschrieben, vieles kommt mir sehr bekannt vor, leider vergessen immer viele das nicht alle Hunde von klein auf alles kennenlernen dürften oder konnten und das man nicht alles von heute auf morgen umlernen kann. Meine Bella habe ich mit 6 Monaten aus Rumänien geholt, ich bin Stolz darauf wie sie sich entwickelt, was sie lernt und über ihren sonnigen Charakter, aber es gibt wenig Menschen die das kennen und darauf reagieren können oder auch wollen. WIeviele Menschen ein ängstlicher Hund irritiert. Liebe Grüße

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